top of page

Warum nicht jedes Problem, das wir haben, ein individuelles Problem ist

In meiner Arbeit mit Menschen begegnet mir immer wieder dasselbe Phänomen:

Menschen kommen mit einem konkreten Problem – einer Angst, einer Blockade, einer immer wiederkehrenden Lebenskrise – und haben das Gefühl, daran „persönlich zu scheitern“.

Sie fragen sich, was mit ihnen nicht stimmt, warum sie es nicht einfach lösen können, warum sie trotz aller Einsicht und Anstrengung immer wieder an denselben Punkt zurückkehren.

Doch je tiefer wir gemeinsam hinschauen, desto klarer wird:

Nicht alles, was ein Mensch trägt, ist in seinem eigenen Leben entstanden.

Manche Themen haben eine Geschichte, die lange vor der eigenen Geburt beginnt.



Über die unsichtbaren Fäden unserer Herkunft


Wir leben in einer Zeit, in der persönliche Verantwortung und Selbstoptimierung großgeschrieben werden. Wenn etwas in unserem Leben nicht funktioniert, lautet die Botschaft oft:

Arbeite an dir. Denk positiver. Streng dich mehr an.

Doch diese Perspektive greift zu kurz. Denn nicht jedes Problem, das wir tragen, ist ausschließlich unser eigenes. Manche Lasten sind älter als wir selbst.


Die unsichtbare Geschichte in uns


Jeder Mensch wird in ein Netz aus Geschichten, Erfahrungen und Überzeugungen hineingeboren. Dieses Netz spannt sich über Generationen hinweg. Die Ängste unserer Großeltern, die Verluste unserer Eltern, die nicht gelebten Träume früherer Generationen – all das hinterlässt Spuren. Nicht im bewussten Gedächtnis, sondern im emotionalen und oft auch körperlichen Erleben.

Moderne Forschung aus Psychologie, Epigenetik und Traumaforschung zeigt:

Erlebte Traumata können weitergegeben werden. Nicht nur durch Erzählungen, sondern durch Stressreaktionen, Bindungsmuster und unbewusste Verhaltensweisen. So tragen wir manchmal Gefühle von Schuld, Angst, Überforderung oder Mangel in uns, ohne zu wissen, woher sie wirklich stammen.


Wenn sich Probleme nicht „persönlich“ anfühlen


Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du hast objektiv ein gutes Leben, und doch ist da eine Schwere. Eine innere Unruhe. Eine wiederkehrende Angst, die scheinbar keinen konkreten Auslöser hat.

Solche Empfindungen entstehen oft dort, wo etwas in uns nicht nur zu uns gehört – sondern zu einer größeren Geschichte.

Was wir „unser Problem“ nennen, ist dann oft der Ausdruck eines ungelösten Kapitels in der Familiengeschichte.


Die Loyalität zur Herkunft

Viele von uns tragen unbewusste Loyalitäten:

Wir leiden, weil frühere Generationen gelitten haben.

Wir bleiben klein, weil andere nicht wachsen durften.

Wir sabotieren unser Glück, weil es sich anfühlt, als hätten andere es nicht haben dürfen.

Diese Loyalität ist kein Fehler. Sie ist ein tief menschlicher Versuch, verbunden zu bleiben. Doch sie wird zur Last, wenn wir beginnen, ein Leben zu führen, das nicht wirklich unseres ist.


Heilung beginnt mit Erkennen

Der erste Schritt zur Veränderung ist nicht Kontrolle, sondern Verständnis.

Wenn wir erkennen, dass manche unserer inneren Kämpfe Teil einer größeren Geschichte sind, entsteht Mitgefühl – für uns selbst und für jene, die vor uns kamen.

Heilung bedeutet dann nicht, die Vergangenheit zu verdrängen, sondern sie zu würdigen, ohne sie weiterzutragen.

Wir dürfen die Kette der Weitergabe an diesem Punkt unterbrechen.


Ein neues Kapitel schreiben

Unsere Aufgabe ist nicht, das Schicksal unserer Ahnen zu wiederholen.Unsere Aufgabe ist es, daraus zu lernen und ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Manchmal besteht persönliche Freiheit genau darin, zu sagen:

Das gehört zu meiner Geschichte – aber es muss nicht meine Zukunft sein.


Genau hier beginnt die eigentliche Kraft meiner Arbeit.

Wenn Menschen erkennen, dass sie nicht falsch, schwach oder defekt sind – sondern Träger einer größeren Geschichte –, verändert sich etwas Grundlegendes. Scham weicht Verständnis. Kampf weicht Mitgefühl. Und aus Ohnmacht entsteht Gestaltungskraft.


Heilung bedeutet nicht, die Vergangenheit auszulöschen

.Heilung bedeutet, sie bewusst anzuschauen, ihr ihren Platz zu geben – und dann eine neue Entscheidung zu treffen

Ich ehre, was war. Und ich wähle, was wird.


Wenn ein Mensch diesen Punkt erreicht, beginnt er nicht nur, sein eigenes Leben zu verändern. Er verändert auch das, was weitergegeben wird.



Und genau darin liegt die leise, aber tiefgreifende Wirkung dieser Arbeit.

 
 
 

Kommentare


bottom of page